Cajamarca und der Berg Quilish


Kontext und Entwicklungen im Jahr 2004

Der Berg Quilish befindet sich nördlich unweit der Stadt Cajamarca in den nördlichen Anden Perus. Er wäre als sechster Berg den fünf Bergen gefolgt, die im Norden Cajamarcas gelegen, dem großflächigen Goldbergbau bereits zum Opfer gefallen sind. Nach den massiven Protesten der Bevölkerung Anfang September 2004, der Gewalt von Polizei und Militär ist der weiteren Erkundung des Quilish durch die Bergbaugesellschaft Minera Yanacocha vorerst Einhalt geboten - nach Rückgabe der Konzession und mündlichen Aussagen des zuständigen peruanischen Bergbauministeriums und der Minengesellschaft selbst.

Ganze Berge werden abgetragen

Der Goldboom begann in Cajamarca im Jahr 1993. Der peruanische Staat freute sich über eine der ersten Auslandsinvestitionen des Landes nach wirtschaftlichem Niedergang Ende der 80er Jahre, Die Investition erhielt Unterstützung von der Weltbank, die über ihren privatwirtschaftlichen Arm, die International Finance Corporation, nach wie vor 5% der Anteile an Minera Yanacocha hält. Hauptanteilseigner ist die US-amerikanische Newmont Corporation, der weltgrößte Goldförderer. Yanacocha ist deren Kronjuwel mit einem erschließbaren Gesamtvorrat von rund 30 Millionen Feinunzen Gold bei einer gegenwärtigen jährlichen Förderrate von ca. 2,8 Mio. Feinunzen (l Feinunze = ca. 3ig).
Schon in den Jahren nach Betriebsbeginn, 1993 und 1994, traten die ersten Konflikte am Quilish auf. Den Campesinos wurden Landflächen zu geringsten Preisen (100 Soles/Hektar) abgepresst. Als Druckmittel diente die Androhung staatlicher Enteignung des privaten oder kollektiv bewirtschafteten Landes. Das Problem mit dem Goldbergbau war im Kern erst einmal ein Problem der Landbevölkerung, die in der Stadt kein Gehör fand. Erkundungen bis Mitte der 90er Jahre schätzten den Quilish auf einen Goldvorrat von ca. 330.000 Feinunzen.
Der Quilish betrifft jedoch nicht nur die dort lebende und unter schwierigen Bedingungen arbeitende und wirtschaftende Landbevölkerung. Der Quilish verbindet vielmehr die Bevölkerung von Land und Stadt, da er in Wassereinzugsgebieten liegt, die die Stadt Cajamarca mit bis zu 70% des benötigten Trinkwassers versorgen.
Mit weiteren Erkundungen in den 90er Jahren im Bereich des Berges stieg der von ihm beherbergte Goldwert. Aktuell sind es ca. 3,7 Millionen Feinunzen Gold. Der Provinzverwaltung war die wasserwirtschaftliche Bedeutung des Quilish sehr wohl bekannt. Studien zum Ökosystem des Berges wurden durchgeführt, und im Oktober 2000 während der Amtszeit von Hoyos Rubio, wurde die Ordenanza Munidpal 012-MPC-2000 verabschiedet, die den Quilish zur unberührbaren Zone erklärte.
Gegen diese Verordnung klagte Minera Yanacocha. In erster und zweiter Instanz unterlag die Minengesellschaft vor dem Gerichtshof in Cajamarca im September 2001. Eine Berufungsklage vor dem peruanischen Verfassungstribunal seitens Minera Yanacocha wurde im April 2003 jedoch in einem wesentlichen Punkt erfolgreich beschieden, indem der Provinzverwaltung das Recht abgesprochen wurde, den Quilish zur unberührbaren Zone zu erklären.
Die Bergbaugesellschaft setzte ihre Arbeiten fort. Die Bevölkerung Cajamarcas machte in zahlreichen Demonstrationen klar, dass die Erkundung und Erschließung des Quilish nicht die notwendige soziale Lizenz erhält.

Verwüstete Landschaft

Im Januar 2004 wurde seitens Minera Yanacocha die finale Umweltauswirkungsstudie, betreffend die Erkundungsarbeiten am Quilish, vorgelegt. Trotz Einwendungen lokaler Organisationen zu dieser Studie wurde sie vom Bergbauministerium gebilligt. Die Bevölkerung reagierte am 20. April mit massiven Protesten.
Mitte Juli 2004 schließlich verabschiedete das Ministerium eine Resolution, die den Beginn der Erkundungsarbeiten am Berg Quilish billigte. Minera Yanacocha begann schon in der zweiten Julihälfte mit der Verlagerung von Maschinen und Gerät und dem Aufbau der Basisstation auf dem Quilish, Mitte August 2004 protestierten Campesinos mit einem Marsch auf die Stadt gegen den Beginn der Arbeiten und fordern die Rücknahme der Resolution des Bergbauministeriums. Lokale Organisationen in Cajamarca schlossen sich zusammen und forderten von Vertretern des Bergbauministeriums die Einrichtung eines Runden Tisches, in dessen Rahmen eine Lösung für die Probleme gefunden werden soll, die der Goldbergbau in den ländlichen Gebieten und in der Stadt Cajamarca verursacht. Ein weiteres Treffen mit Repräsentanten des Ministeriums wurde für Ende August versprochen, um an der Etablierung des Runden Tisches weiter zu arbeiten.
Das für den 26. August geplante Treffen sollte jedoch nie stattfinden. An besagtem Tag fanden die Campesinos und Vertreter lokaler Organisationen lediglich verschlossene Türen vor. Weder erschienen die Vertreter des Bergbauministeriums, noch Vertreter der Provinzregierung und der Bergbaugesellschaft. Es ist eine bekannte Geschichte, die sich seit 1993 regelmäßig wiederholt. Es werden Versprechungen gemacht, die letzten Endes nicht eingehalten wurden. Für die Campesinos gibt es keinerlei staatliche institutionelle Unterstützung.
Die Frustration äußerte sich ab dem 28. August 2004, an dem es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Campesinos und der Polizei im Bereich des Berges Quilish kam. Am 1. September besetzten 3000 Campesinos den Quilish. Der Staat antwortet mit polizeilicher und militärischer Gewalt. Tränengas wurde aus Hubschraubern auf die Protestierenden abgeschossen. Es gab zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten. Viele Campesinos, darunter Frauen und Ältere, wurden verhaftet und polizeilich erfaßt. Es gab Berichte über Mißhandlungen.
Ab dem 2. September blockierten die Campesinos die Straße zum Hauptquartier der Bergbaugesellschaft entlang einer Strecke von vier Kilometern. Die Auseinandersetzungen dauerten weitere Tage. Das Bergbauministerium wurde wieder eingeschaltet und ebenso die Einrichtung einer staatlichen Spitzenkommission gefordert, die sich um die Einrichtung eines Runden Tisches kümmert. Die Straßenblockade wurde dann am 7. September aufgehoben, nachdem Minera Yanacocha am Vortag erklärt hatte, die Arbeiten am Quilish vorläufig einzustellen. Da es zu keiner Etablierung des Runden Tisches kam, setzten sich Demonstrationen und Streiks in Cajamarca fort. Mitte September wurde eine Übereinkunft mit Vertretern des Ministeriums erzielt, in der gefordert wurde, den Teil der ministeriellen Verordnung außer Kraft zu setzen, die die Genehmigung zur Exploration des Quilish gab.
Jedoch nahm Minera Yanacocha den Betrieb der Explorationsarbeiten wieder auf und führte weitere Perforationen am Quilish noch im Verlauf des September und im Oktober durch. Weitere Proteste und Streiks in Cajamarca waren die Antwort auf dieses Vorgehen. Weder die Bergbaugesellschaft noch das Bergbaummisterium schienen begriffen zu haben, dass die Bevölkerung nicht länger bereit ist, nur warme Worte zu vernehmen, denen keine Taten folgen. Zahlreiche intensive Gespräche seitens des Ministeriums und Vertretern von Minera Yanacocha muss es im Oktober jedoch gegeben haben. Anfang November erklärte Minera Yanacocha in Person von Carlos Santa Cruz, dem Direktor von Newmont Südamerika, mit einem Mal, dass sie auf Erkundungsarbeiten am Berg Quilish verzichten, und gaben zu, den jahrelangen Protesten aus der Bevölkerung keine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Diese Aufmerksamkeit wollen sie der Bevölkerung nun schenken und sagen, der Quilish ist für sie nun außerhalb jeglicher Betriebspläne. Das Bergbauministerium akzeptierte die Rückgabe der Konzession zur Erkundung des Quilish Anfang November, und der zuständige Minister betrachtet den Quilish als geschlossene Sache.

Ist dem wirklich so? Wurde in irgendeiner Weise seitens Minera Yanacocha schriftlich fixiert, dass das Unternehmen für die Zeit seiner Tätigkeit in der Region Cajamarca auf die Erkundung und Erschließung des Quilish verzichtet? Es existiert leider kein derartiges Dokument. Minera Yanacocha verfügt in der Region über enorme Konzessionsflächen und Goldvorräte, die ein Verbleiben über Jahre bis Jahrzehnte in der Region realistisch erscheinen lassen. Kommen andere Zeiten, kommt ein neuer Anlauf? Im Quilish verbirgt sich nach gegenwärtigem Sachstand ein Goldvorrat im Wert von 1,5 Milliarden US Dollar.
Müsste nun nicht gefordert werden, dass die Bergbaugesellschaft die Verordnung der Provinzverwaltung aus dem Jahr 2000 über die Erklärung des Quilish zur unberührbaren Zone vorbehaltlos anerkennt? Müsste nicht die Forderung an Minera Yanacocha stehen, Landeigentum im Bereich des Quilish zurück zu geben? Es gilt weiterhin, wachsam zu sein und die Rückgabe der Konzession zur Erkundung des Quilish nun nicht als Sozialmaßnahme eines Unternehmens zu bewerten, das mit einem Mal seine soziale Verantwortlichkeit entdeckt hat (die es nach eigenen Angaben schon seit 1993 verwirklicht). Profitgier ist in letzter Konsequenz rücksichtslos und sucht vielleicht nur nach neuen Strategien.
Nichts ist nun einmal so lecker wie das billige Gold aus Cajamarca.
Mathias Hohmann