Ganze Berge werden abgetragen
Der Goldboom begann in Cajamarca im Jahr 1993. Der peruanische Staat
freute sich über eine der ersten Auslandsinvestitionen des Landes
nach wirtschaftlichem Niedergang Ende der 80er Jahre, Die Investition erhielt
Unterstützung von der Weltbank, die über ihren privatwirtschaftlichen
Arm, die International Finance Corporation, nach wie vor 5% der Anteile
an Minera Yanacocha hält. Hauptanteilseigner ist die US-amerikanische
Newmont Corporation, der weltgrößte Goldförderer. Yanacocha
ist deren Kronjuwel mit einem erschließbaren Gesamtvorrat von rund
30 Millionen Feinunzen Gold bei einer gegenwärtigen jährlichen
Förderrate von ca. 2,8 Mio. Feinunzen (l Feinunze = ca. 3ig).
Schon in den Jahren nach Betriebsbeginn, 1993 und 1994, traten die
ersten Konflikte am Quilish auf. Den Campesinos wurden Landflächen
zu geringsten Preisen (100 Soles/Hektar) abgepresst. Als Druckmittel diente
die Androhung staatlicher Enteignung des privaten oder kollektiv bewirtschafteten
Landes. Das Problem mit dem Goldbergbau war im Kern erst einmal ein Problem
der Landbevölkerung, die in der Stadt kein Gehör fand. Erkundungen
bis Mitte der 90er Jahre schätzten den Quilish auf einen Goldvorrat
von ca. 330.000 Feinunzen.
Der Quilish betrifft jedoch nicht nur die dort lebende und unter schwierigen
Bedingungen arbeitende und wirtschaftende Landbevölkerung. Der Quilish
verbindet vielmehr die Bevölkerung von Land und Stadt, da er in Wassereinzugsgebieten
liegt, die die Stadt Cajamarca mit bis zu 70% des benötigten Trinkwassers
versorgen.
Mit weiteren Erkundungen in den 90er Jahren im Bereich des Berges stieg
der von ihm beherbergte Goldwert. Aktuell sind es ca. 3,7 Millionen Feinunzen
Gold. Der Provinzverwaltung war die wasserwirtschaftliche Bedeutung des
Quilish sehr wohl bekannt. Studien zum Ökosystem des Berges wurden
durchgeführt, und im Oktober 2000 während der Amtszeit von Hoyos
Rubio, wurde die Ordenanza Munidpal 012-MPC-2000 verabschiedet, die den
Quilish zur unberührbaren Zone erklärte.
Gegen diese Verordnung klagte Minera Yanacocha. In erster und zweiter
Instanz unterlag die Minengesellschaft vor dem Gerichtshof in Cajamarca
im September 2001. Eine Berufungsklage vor dem peruanischen Verfassungstribunal
seitens Minera Yanacocha wurde im April 2003 jedoch in einem wesentlichen
Punkt erfolgreich beschieden, indem der Provinzverwaltung das Recht abgesprochen
wurde, den Quilish zur unberührbaren Zone zu erklären.
Die Bergbaugesellschaft setzte ihre Arbeiten fort. Die Bevölkerung
Cajamarcas machte in zahlreichen Demonstrationen klar, dass die Erkundung
und Erschließung des Quilish nicht die notwendige soziale Lizenz
erhält.
Verwüstete Landschaft
Im Januar 2004 wurde seitens Minera Yanacocha die finale Umweltauswirkungsstudie,
betreffend die Erkundungsarbeiten am Quilish, vorgelegt. Trotz Einwendungen
lokaler Organisationen zu dieser Studie wurde sie vom Bergbauministerium
gebilligt. Die Bevölkerung reagierte am 20. April mit massiven Protesten.
Mitte Juli 2004 schließlich verabschiedete das Ministerium eine
Resolution, die den Beginn der Erkundungsarbeiten am Berg Quilish billigte.
Minera Yanacocha begann schon in der zweiten Julihälfte mit der Verlagerung
von Maschinen und Gerät und dem Aufbau der Basisstation auf dem Quilish,
Mitte August 2004 protestierten Campesinos mit einem Marsch auf die Stadt
gegen den Beginn der Arbeiten und fordern die Rücknahme der Resolution
des Bergbauministeriums. Lokale Organisationen in Cajamarca schlossen sich
zusammen und forderten von Vertretern des Bergbauministeriums die Einrichtung
eines Runden Tisches, in dessen Rahmen eine Lösung für die Probleme
gefunden werden soll, die der Goldbergbau in den ländlichen Gebieten
und in der Stadt Cajamarca verursacht. Ein weiteres Treffen mit Repräsentanten
des Ministeriums wurde für Ende August versprochen, um an der Etablierung
des Runden Tisches weiter zu arbeiten.
Das für den 26. August geplante Treffen sollte jedoch nie stattfinden.
An besagtem Tag fanden die Campesinos und Vertreter lokaler Organisationen
lediglich verschlossene Türen vor. Weder erschienen die Vertreter
des Bergbauministeriums, noch Vertreter der Provinzregierung und der Bergbaugesellschaft.
Es ist eine bekannte Geschichte, die sich seit 1993 regelmäßig
wiederholt. Es werden Versprechungen gemacht, die letzten Endes nicht eingehalten
wurden. Für die Campesinos gibt es keinerlei staatliche institutionelle
Unterstützung.
Die Frustration äußerte sich ab dem 28. August 2004, an
dem es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Campesinos und der Polizei
im Bereich des Berges Quilish kam. Am 1. September besetzten 3000 Campesinos
den Quilish. Der Staat antwortet mit polizeilicher und militärischer
Gewalt. Tränengas wurde aus Hubschraubern auf die Protestierenden
abgeschossen. Es gab zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten. Viele Campesinos,
darunter Frauen und Ältere, wurden verhaftet und polizeilich erfaßt.
Es gab Berichte über Mißhandlungen.
Ab dem 2. September blockierten die Campesinos die Straße zum
Hauptquartier der Bergbaugesellschaft entlang einer Strecke von vier Kilometern.
Die Auseinandersetzungen dauerten weitere Tage. Das Bergbauministerium
wurde wieder eingeschaltet und ebenso die Einrichtung einer staatlichen
Spitzenkommission gefordert, die sich um die Einrichtung eines Runden Tisches
kümmert. Die Straßenblockade wurde dann am 7. September aufgehoben,
nachdem Minera Yanacocha am Vortag erklärt hatte, die Arbeiten am
Quilish vorläufig einzustellen. Da es zu keiner Etablierung des Runden
Tisches kam, setzten sich Demonstrationen und Streiks in Cajamarca fort.
Mitte September wurde eine Übereinkunft mit Vertretern des Ministeriums
erzielt, in der gefordert wurde, den Teil der ministeriellen Verordnung
außer Kraft zu setzen, die die Genehmigung zur Exploration des Quilish
gab.
Jedoch nahm Minera Yanacocha den Betrieb der Explorationsarbeiten wieder
auf und führte weitere Perforationen am Quilish noch im Verlauf des
September und im Oktober durch. Weitere Proteste und Streiks in Cajamarca
waren die Antwort auf dieses Vorgehen. Weder die Bergbaugesellschaft noch
das Bergbaummisterium schienen begriffen zu haben, dass die Bevölkerung
nicht länger bereit ist, nur warme Worte zu vernehmen, denen keine
Taten folgen. Zahlreiche intensive Gespräche seitens des Ministeriums
und Vertretern von Minera Yanacocha muss es im Oktober jedoch gegeben haben.
Anfang November erklärte Minera Yanacocha in Person von Carlos Santa
Cruz, dem Direktor von Newmont Südamerika, mit einem Mal, dass sie
auf Erkundungsarbeiten am Berg Quilish verzichten, und gaben zu, den jahrelangen
Protesten aus der Bevölkerung keine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.
Diese Aufmerksamkeit wollen sie der Bevölkerung nun schenken und sagen,
der Quilish ist für sie nun außerhalb jeglicher Betriebspläne.
Das Bergbauministerium akzeptierte die Rückgabe der Konzession zur
Erkundung des Quilish Anfang November, und der zuständige Minister
betrachtet den Quilish als geschlossene Sache.
Ist dem wirklich so? Wurde in irgendeiner Weise seitens Minera Yanacocha
schriftlich fixiert, dass das Unternehmen für die Zeit seiner Tätigkeit
in der Region Cajamarca auf die Erkundung und Erschließung des Quilish
verzichtet? Es existiert leider kein derartiges Dokument. Minera Yanacocha
verfügt in der Region über enorme Konzessionsflächen und
Goldvorräte, die ein Verbleiben über Jahre bis Jahrzehnte in
der Region realistisch erscheinen lassen. Kommen andere Zeiten, kommt ein
neuer Anlauf? Im Quilish verbirgt sich nach gegenwärtigem Sachstand
ein Goldvorrat im Wert von 1,5 Milliarden US Dollar.
Müsste nun nicht gefordert werden, dass die Bergbaugesellschaft
die Verordnung der Provinzverwaltung aus dem Jahr 2000 über die Erklärung
des Quilish zur unberührbaren Zone vorbehaltlos anerkennt? Müsste
nicht die Forderung an Minera Yanacocha stehen, Landeigentum im Bereich
des Quilish zurück zu geben? Es gilt weiterhin, wachsam zu sein und
die Rückgabe der Konzession zur Erkundung des Quilish nun nicht als
Sozialmaßnahme eines Unternehmens zu bewerten, das mit einem Mal
seine soziale Verantwortlichkeit entdeckt hat (die es nach eigenen Angaben
schon seit 1993 verwirklicht). Profitgier ist in letzter Konsequenz rücksichtslos
und sucht vielleicht nur nach neuen Strategien.
Nichts ist nun einmal so lecker wie das billige Gold aus Cajamarca.
Mathias Hohmann